Die geklebte Machart (AGO)
Bei der geklebten Machart wird der obere Teil des Schuhs mit dem unteren Teil, der Sohle, durch Kleber verbunden. Kleber wird zwar auch in anderen Macharten benutzt, hier bei der geklebten Machart ist jedoch der Unterschied, dass der Kleber das einzige Mittel ist, um die beiden Teile des Schuhs zusammenzuhalten - keine Nähte, keine Nägel und keine sonstigen Verbindungsteile.
Einleitung
Wir haben bei geklebten Schuhe grob zwei Teile, die mit Kleber zusammengefügt werden:
- der obere Teil des Schuhs, der Schuhschaft, welcher oft aus Leder, Kunststoff oder einem Gewebe besteht (auch als Kombination dieser Materialien)
- der untere Teil des Schuhs, die Sohle, welche meist aus Leder oder Gummi oder einer Kombination dieser beiden Materialien besteht
Damit beim Zusammenfügen dieser zwei Teile auch alles hält, musste der Kleber mit der Zeit gut genug werden. Heutzutage halten die Kleber auch relativ zuverlässig, bieten aber nicht die Sicherheit und Zuverlässigkeit von Nähten. Besonders wenn die Schuhe sehr nass werden oder Lösungsmittel an den Kleber drankommt, dann kann sich der Kleber lösen.
Heutzutage dominieren geklebte Schuhe mit deutlichem Abstand den Schuhmarkt. Sie sind sehr günstig herzustellen und brauchen keine qualifizierten Handwerker für die Herstellung. Hier erhältst du mehr Infos zu solchen Schuhen und meinen Grund, warum ich genähten Schuhen den Vorzug gebe.
Begriffsverwirrung: Geklebte Schuhe und Schuhe in geklebter Machart
Die Schuhe, um die es hier in diesem Artikel geht, werden oft auch salopp geklebte Schuhe genannt. Wenn du diesen Ausdruck geklebte Schuhe allerdings sehr wörtlich nimmst, dann sind im Grunde genommen alle Schuhe geklebt. Denn selbst genähte oder genagelte Schuhe werden zur Unterstützung geklebt, bevor dort Nähte oder Holznägel angebracht werden. Deshalb schreibe ich hier bewusst stattdessen von Schuhen in geklebter Machart.
Besonders Leute, die mit rahmengenähten und durchgenähten Schuhen ein bisschen vertraut sind, meinen mit geklebten Schuhen zur Abgrenzung eben solche Schuh von geklebter Machart. Ich denke, bei den allermeisten Menschen hier in Europa ist der Begriff geklebte Schuhe ansonsten gar nicht gebräuchlich, weil in der normalen Konsumwelt so ziemlich alle Schuhe geklebt, also von geklebter Machart, sind. Da gibt es also gar keine Unterscheidung in der Machart und geklebte Schuhe sind der Standard und damit einfach nur Schuhe.
Erfolgsgeschichte von geklebten Schuhen in Europa
Vorindustrielle Situation
Früher war die Situation hier in Europa ganz anders und es haben sehr viel mehr kleinere Schuhmacher gearbeitet als heutzutage. Sie haben die Schuhe nicht nur hergestellt, sondern auch repariert. Und meist haben sie die Schuhe traditionell zusammengenäht - das Kleben war in erster Linie unterstützend, aber nicht tragend in der Konstruktion. So hat es wenig ausgemacht, wenn sich der Kleber mal gelöst hat, weil die Schuhe an den entscheidenden Stellen durch Nähte oder auch Nägel zusammengehalten wurden.
Industrielle Situation
Selbst als Schuhmacher in größerem Maße anfingen, Maschinen anzuwenden, waren die Schuhe noch überwiegend genäht. Es gab diverse Nähmaschinen für Lederschuhe und durch diese Maschinen konnten Schuhmacher sich Zeit sparen, weil sie nicht mehr aufwendig von Hand nähen musste. Die Maschinen haben so die Herstellung von Schuhen vereinfacht, dass du nicht mehr ein Handwerker sein musstest, um Schuhe herzustellen. Nach und nach wurden immer mehr Schuhe in Fabriken hergestellt, wo durch Arbeitsteilung und Maschinen neue Schuhe sehr effizient hergestellt wurden. Das passiert auch heute noch und solche Fabriken müssen gar nicht groß sein, besonders wenn sie viel Wert auf eine saubere und gute Verarbeitung Wert legen.
In dieser Zeit wurde 1911 in Italien ein Kleber erfunden, der für das Kleben von Leder auf Leder geeignet war. Der Kleber hat den Namen AGO bekommen, was für “another great opportunity” steht. Dadurch konnte der Schuhschaft direkt auf die Innensohle geklebt werden, was das Nähen ersparte. Die Laufsohle konnte nun auch einfach nur draufgeklebt werden. Allerdings war der Kleber am Anfang noch zu unflexibel und dadurch für Schuhe ungeeignet, die ja ständig in Bewegung sind. Erst im Laufe der weiteren Jahrzehnten wurde dieser spezielle Kleber erheblich verbessert und sozusagen auch auf weitere Materialien ausgedehnt.
Zeit der Massenherstellung
In der Mitte des 20. Jahrhunderts kamen nun die beiden Bereiche zusammen:
- die industrielle, kosteneffiziente Massenfertigung von Schuhen in einer Fabrik
- der unter der Bezeichnung AGO entwickelte neuartige Kleber, der Leder und nun auch andere Materialien immer besser kleben konnte
So begann nun die regelrechte Massenherstellung solcher Schuhe, allen voran des heutzutage sehr beliebten geklebten Sneaker. Bis sich dieser in der Gesellschaft wirklich durchgesetzt hat, mussten noch Jahrzehnte vergehen, aber der Anfang war gelegt.
Die traditionelle Herstellung von Schuhen wurde dadurch immer mehr verdrängt. Es gab immer weniger Schuhmacher und diese wenigen Schuhmacher haben sich zunehmend auf die Reparatur und das Wiederbesohlen von Schuhen konzentriert.
Jedenfalls ging dieser Trend der Massenherstellung ungemindert weiter:
- es wurden zunehmend günstige, synthetische Materialien genommen
- die Fabriken wurden nach außerhalb von Europa verlagert, wo die Herstellungskosten nochmals niedriger waren
Durch solche Kosteneinsparungen auf fast allen Ebenen ist der Schuh, der früher viel Arbeit, Wissen und bessere Materialien gekostet hat, für die meisten Menschen zu einem recht banalen Gegenstand des täglichen Gebrauchs geworden.
Woran kannst du Schuhe in geklebter Machart erkennen?
Die sicherste Methode ist es, wenn du versuchst, die ganze Sohle von dem Schuhschaft zu lösen. Wenn es dir gelingt und du gar keine Nähte oder Holznägel siehst, gegen die du ankämpfen musst, dann kannst du dir sicher sein: Schaft und Sohle werden allein durch Kleber zusammengehalten - geklebte Machart. Leider machst du bei dieser Überprüfung deinen Schuh ein Stück weit kaputt, weil sich die Klebeverbindung zwischen Sohle und Schaft etwas löst. Doch die beiden Teile kannst du an der Stelle wieder zusammenkleben oder zusammenkleben lassen.
Andere Methoden zu Erkennung sind schwierig. Wenn du im Schuh innen drin eine dicke Naht siehst, dann wird der Schuh in durchgenähter Machart hergestellt sein. Wenn dort aber keine Naht zu sehen ist, dann gibt es eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass der Schuh von geklebter Machart ist. Ohne zusätzliches Wissen könnte er dann aber genauso von rahmengenähter Machart sein.
Wenn der Schuh einen Rahmen mit sichtbarer Naht hat, dann hat das für die Machart nichts zu bedeuten. Denn eine solche Naht ist die sogenannte Sohlennaht und verbindet den Rahmen mit der Sohle. Manchmal ist das sogar keine echte Naht, sondern nur zur Dekoration angebracht. Das wird auch eher bei Schuhen in geklebter Machart der Fall sein.
Wiederbesohlung bei Schuhen in geklebter Machart
Mit dem Siegeszug der geklebten Schuhe ging ein Vorteil der alten Schuhe verloren: Die Wiederbesohlung. Wurde früher ein Schuh durchgelaufen, so konnte er beim Schuster wieder neu besohlt werden. Mit den neuen, geklebten Schuhe ging das nicht mehr so einfach und in der Regel wurde und wird dann ein neues Paar gekauft. Der neuen Schuhindustrie konnte das wahrscheinlich auch sehr recht sein. Aber wirklich nachhaltig ist das bis heute nicht.
1. Möglichkeit zum Wiederbesohlen: Drankleben einer neuen Laufsohle
Du kannst eine einfache Möglichkeit auch bei geklebten Schuhen einführen, indem du die Sohle in zwei Teile aufteilst:
- ein oberes Sohlenteil, welches mit dem Schaft verklebt wird
- ein unteres Sohlenteil, die Laufsohle, welches mit dem oberen Sohlenteil verklebt wird
Dadurch könntest du die Laufsohle leicht beim Schuhmacher auswechseln lassen, sobald diese abgelaufen ist. Selbst wenn die Sohle nur aus einem einzigen Teil besteht, so kann ich mir trotzdem vorstellen, dass sich nach entsprechendem Wegschleifen eine neue Laufsohle unten drunter anbringen lässt. Auch das ist eine Form der Wiederbesohlung, die sogar insgesamt besonders einfach ist. Denn du hast nach dem Wegschleifen von Unebenheiten eine glatte Fläche, auf der du leicht deinen Kleber auftragen und die beiden Sohlen miteinander verbinden kannst.
Das gleiche Prinzip wird im Grunde genommen auch bei einigen genähten Schuhe angewandt: Dort besteht die Sohle aus mehreren Schichten und wenn die unterste Schicht, die Laufsohle, abgelaufen ist, dann wird sie einfach ersetzt und eine neue wird draufgeklebt - ohne Nähte oder Nägel. Die Machart des Schuhs ist weiterhin eine genähte Machart. Nur ein kleiner Teil des Schuhs, die Laufsohle, wird ersetzt. Und dies ist wegen der ebenen Fläche, auf der geklebt wird, deutlich leichter und angenehmer: Der Schuster kann einfach ein etwas größere Sohle nehmen und sie dann nach dem Kleben von außen auf die richtige Größe zurechtschneiden. Dadurch bist du auf keine speziellen Sohlen des Herstellers angewiesen und musst dir auch keine von der Größe her passende Sohle machen lassen.
2. Möglichkeit zum Wiederbesohlen: Ersetzen der ganzen Sohle
Bei Schuhen in der geklebten Machart sind ja der Schaft und die Sohle miteinander verklebt. Ist die Sohle abgelaufen, dann kannst du diese natürlich auch als Ganzes ersetzen und eine neue Sohle dem Schaft zusammenkleben.
Allerdings wird der Schaft hier meist nicht entlang einer geraden Fläche an die Sohle geklebt, sondern entlang einer gekrümmten Fläche. Und diese wiederum ist abhängig von der genauen Schuhgröße. Du brauchst also Sohlen in der richtigen Größe und diese sollte dann am besten der Hersteller deiner Schuhe liefern. Wenn dies nicht möglich ist, so kann mit Sicherheit eine passende Sohle mit Hilfe einer Gussform hergestellt werden. Ich bezweifle aber, dass dies in der Praxis relevant ist, weil es unverhältnismäßig viel Aufwand bedeutet.
Theoretisch kann diesen andere Klebe-Teile jeder selbst machen, wenn er eine passende, neue Sohle hat. Doch ich finde, das Ergebnis sieht dann meist nicht schön aus: Zum Beispiel wenn Teil nicht ganz so eng anliegend geklebt sind, dass man den Kleber dazwischen sehen kann. Oder wenn sichtbare Klebereste übrig bleiben und die Optik dadurch zerstören. Außerdem sollten vor dem Kleben die Oberflächen mit Schleifpapier behandelt werden. Es sind also schon noch einige Sachen zu beachten, auch wenn es sich nur um Kleben statt Nähen handelt.
Warum Wiederbesohlung im Alltag zu kurz kommt
Trotz dieser beiden Möglichkeiten, auch Schuhe in der geklebten Machart wiederbesohlen zu lassen, passiert das recht selten. Das hängt in meinen Augen weniger mit der geklebten Machart zusammen, sondern verschiedenen anderen Faktoren. Zum Einen ist oft das Obermaterial des Schuhs schnell hinüber, so dass es sich nicht lohnt, dem kaputten Obermaterial noch eine neue Sohle zu verpassen. Zum anderen denke ich, dass es vielen Menschen nicht bewusst ist, dass sie beim Schuster ihre Schuhe wiederbesohlen können.
Ich denke mir, dass wenn die Qualität der meisten Schuhe steigen würde und schon mal das Obermaterial fast ganz aus Leder ist, dann würden die allermeisten Menschen solche Schuhe auch viel eher zum Schuster zum Wiederbesohlen bringen. Aber das wird nicht passieren, weil diese Variante zugleich die unbequemere ist:
- du musst dich um das Oberleder kümmern, vor allem es pflegen
- du musst schlussendlich einen Schuster aufsuchen, wenn eine Wiederbesohlung ansteht
Deshalb denke ich, dass bessere Schuhe als Massenphänomen in der Gesellschaft in zweierlei Hinsicht unwahrscheinlich ist:
- die meisten Kunden wollten nicht zu viel Zeit, Geld und Energie in bessere Schuhe investieren
- viele Hersteller kämpfen um den besten Preis und dass kannst dir nicht leisten, wenn du die Qualität und damit die Kosten erhöhst
Außerdem kann es vielen Herstellern doch recht sein, wenn alte Schuhe nicht wiederbesohlt und stattdessen neue gekauft werden: Dadurch kommen ihre Kunden für einen erneuten Kauf schneller wieder.
bestehen die allermeisten geklebten Schuhe aus genau einem einzigen Sohlenteil. Ich vermute, da stecken einfach praktisch-ökonomische Gründe dahinter:
- ein einziges Sohlenteil ist günstiger herzustellen
- Schuhe mit abgelaufenen Sohle lohnen die Reparatur nicht, weil die restlichen Materialien nach einer Weile es nicht wert sind
- Hersteller von Schuhen profitieren auch davon, dass sich die Kunden öfter mDoch auch bei einer echten Sohlennaht kannst du rein theoretisch Schuhe in geklebter Machart habenal neue Schuhe kaufen
Fazit und persönliche Meinung
Zusammenfassend kann ich also sagen, dass ich hier gar nicht so sehr die geklebte Art Machart bezüglich der Wiederbesohlbarkeit kritisiere, sondern einen modernen Trend, alles auf Kosten der Qualität günstiger zu machen, so dass sich das Wiederbesohlen nicht mehr lohnt. Und die geklebte Machart ist streng genommen nur ein kleiner Teil dieses Trends, weil sie nun mal die günstigste Machart ist. Aber sie allein ist nicht der Grund dafür, dass die allermeisten Schuhe heutzutage nicht mehr wiederbesohlt werden.
Also streng genommen ist die geklebte Machart viel besser als ihr Ruf im Umfeld von besseren Schuhen. Auch wenn die geklebte Machart verglichen mit den anderen genähten und genagelten Macharten die günstigste und eher die unzuverlässigste ist, lassen sich Schuhe von solcher Machart gut wiederbesohlen. Einziges Hindernis ist eher die übrige Qualität der Schuhe, die bei Schuhe in der geklebten Machart typischerweise sehr schlecht ist. Aber das ist kein Schwachpunkt der geklebten Machart an sich.
Ich persönlich mag den Gedanken nicht, bei einer Reparatur gleich die ganze Sohle zu ersetzen oder auch nur die Aussicht, dass die Sohle sich von dem Schuhschaft lösen könnte. Deshalb schätze ich von der Machart her genähte oder genagelte Schuhe mehr. Die unterste Sohle, die Laufsohle, kann dann von mir aus lediglich geklebt sein. Zum einen betrifft das die Machart nicht und zum anderen ist das ein kleiner, angenehmer Bereich des Schuhs verglichen mit dem Ersetzen der ganzen Sohle.
Varianten
Dunkelbraune Loafer mit Kroko-Prägung
Diese bequemen Loafer in geprägtem Glattleder haben zur Dekoration einen Rahmen mit Rillen, der allerdings Bestandteil der Sohle ist. Das sind einfach Lederschuhe, bei denen auch das Innenfutter und die Laufsohle aus Leder ist. Nur ist eben der obere Teil des Schuhs mit dem unteren Teil verklebt.
Vielleicht denkst du, dass wenn doch der Schuh fast ausschließlich aus Leder besteht, kann man dann dafür nicht eine genähte Machart wählen, um dem Material ein bisschen mehr gerecht zu werden? Und so etwas denke ich persönlich auch. Aber diese Schuhe hier sind nun mal geklebt und die genauen Hintergründe davon kenne ich nicht. Ich finde aber diesen Gegensatz zwischen teurem Material und günstiger Machart irgendwo auch interessant.
Schwarze lockere Oxfords mit Kontrastnähten
Dies ist ein relativ exotisches Modell für ein Paar schwarzer Oxford-Schuhe, weil dieses Paar durch die Kontrastnähte und ein paar andere Elemente in hohem Maße aufgelockert wird. - Dies ist eher untypisch für die meisten schwarzen Oxfords, die normalerweise zum Anzug getragen werden. Diese Variante hier ist aber ganz anders und viel eher eine Freizeit-Variante von einem Oxford-Schuh.
Die geklebte Machart kannst du von außen hier nur vermuten, weil eigentlich alles aus Leder ist und ein Rahmen oder eine überstehende Zwischensohle mit einer Naht vorhanden sind. Du würdest hier auf dem ersten Blick eher denken, dass das vermutlich genähte Schuhe sind. Allerdings verläuft die Naht auf dem Rahmen oder der überstehenden Sohle recht ungewöhnlich verglichen mit genähten Schuhe und auch nur in großen Abständen. Das ist schon mal ein Hinweis darauf, dass da vermutlich etwas nicht stimmt und die Naht sehr wahrscheinlich rein zur Dekoration da ist.
Letztlich hat sich bei diesem Schuh der Schuhschaft im hinteren Bereich beim Gehen von der Sohle gelöst. Dadurch konntest du direkt erkennen, dass es Lederschuhe in der geklebten Machart sind.


