Was ist die Machart bei Schuhen?

Die Machart beschreibt einen Prozess mitten in der Herstellung von Schuhen. Deshalb müssen wir uns die Schritte vorher anschauen, um diesen Prozess besser zu verstehen.

Die Ausgangssituation: Der Schuhschaft

Typischerweise wird bei einem Schuh zuerst sein oberer Teil hergestellt. Dieser obere Teil heisst auch Schuhschaft und besteht im Wesentlichen aus drei Schichten

  • Oberleder (äussere Schicht)
  • Innenfutter (innere Schicht)
  • gezielt platzierte Verstärkungsschichten zwischen Oberleder und Innenfutter

Oberleder und Innenfutter werden dabei mit mancherlei Verstärkungsflächen dazwischen miteinander verklebt. Und heraus kommt ein fertiger Schuhschaft, der in einem der weiteren Schritte über einen Leisten gezogen wird.

Vorbereitung von Schuhschaft und Brandsohle am Leisten

Bevor der Schuhschaft über den Leisten gezogen wird, wird zuerst die Brandsohle an die untere Seite des Leistens drangepresst und passgenau zurechtgeschnitten. Erst jetzt wird der Schaft über den Leisten und etwas über die Brandsohle gezogen und mit Nägeln vorläufig fixiert. Dieser Prozess heisst Zwicken und eine saubere Ausführung ist hier wichtig, damit keine Wellen auf dem Schuhschaft entstehen.

Die Machart: Verbinden von Schuhschaft, Brandsohle und einem dritten Teil

Nach der ganzen Vorbereitung überdeckt der Schuhschaft etwas die Brandsohle und beide werden temporär mit Nägeln festgehalten. Nun kommt ein dritter Teil dazu und je nach Machart kann es wie folgt variieren:

  • ein sogenannter Rahmen, also ein Lederstreifen
  • eine Zwischensohle
  • eine Laufsohle

Dieser dritte Teil wird mit den anderen beiden Teilen befestigt und dieser Schritt ist die Machart eines Schuhs. Die Verbindung kann zum Beispiel mit Holznägeln genagelt oder genäht sein und beide Varianten entsprechen unterschiedlichen Macharten. Auch eine geklebte Machart ist hier möglich, bei der meist einfach die Laufsohle drauf geklebt wird.

Der letzte Schritt: Anbringen der Laufsohle

Wenn die Laufsohle schon direkt mit Schaft und Brandsohle durch Ausführen einer Machart verbunden wurde, dann ist hier nichts weiter zu tun. Wenn aber der dritte Teil ein Rahmen oder eine Zwischensohle ist, dann kommt in den weiteren Schritten noch eine Laufsohle drauf. Doch das hat dann nicht mehr viel mit der Machart an sich zu tun und ist hauptsächlich für das Wiederbesohlen von Interesse. Dieser letzte Schritt beeinflusst sogar etwas mehr als die Machart, wie biegsam der Schuh am Ende wird.

Schuhe in geklebter Machart

Wir können hier auch mit etwas Unschärfe von geklebten Schuhen schreiben, wenn wir eigentlich mit solchen Schuhen meinen, dass Schaft, Brandsohle und Laufsohle allein durch Kleber zusammengehalten werden. Auch andere Macharten nutzen Kleber an dieser Stelle, aber nur unterstützend.

Heutzutage dominieren geklebte Schuhe den Markt und die allermeisten Menschen kennen wahrscheinlich auch nichts anderes. Solche Schuhe können tatsächlich auch aus Leder bestehen, auch wenn es eher untypisch ist. Doch auch in einem solchen Fall kann es sein, dass der Lederanteil sehr gering ist und der Schuh trotzdem zum grössten Teil aus Kunststoff besteht. Da war die Schuhindustrie in dieser Hinsicht sehr krativ in den letzten Jahrzehnten. Von den geklebten Schuhen überwiegen hier in Europa also solche, die ausschließlich oder größtenteils aus synthetischen Materialien hergestellt sind.

Erkennungszeichen

Rein geklebte Schuhe können schwierig zu erkennen sein. Selbst wenn die Schuhe Nähte auf dem Rahmen haben, kann der Rest des Schuhs einfach nur geklebt sein. Und auch die Nähte auf dem Rahmen können lediglich der Dekoration dienen, ohne dass sie durch zwei oder mehr Lederschichten hindurch gehen. Ich denke aber, dass du solche dekorativen Nähte leicht erkennen kannst, wenn du oft genug echte Nähte gesehen hast.

In meinen Augen hast du bei geklebten Schuhe letztlich erst dann die Gewissheit über die Machart, wenn sie auseinander gehen: Wenn sich also Teile lösen und du siehst, dass da keine Nähte oder Nägel dazwischen waren, sondern nur der Kleber. Und so etwas kannst du nicht jedem Schuh von außen ansehen.

Ich hatte einmal ein Paar schöner schwarzer Single Monks, die sahen von außen sehr gut aus und waren recht bequem. Ich hatte den Eindruck, dass sie nach traditioneller Handwerksart genäht sind war sehr zufrieden mit ihnen - bis sich der Schuhschaft von der ganzen Sohle angefangen hat zu lösen.

Vielleicht gibt es eben auch Handwerker, die sich die Arbeit besonders einfach und bequem machen, indem sie auf das Nähen zu Gunsten des schnelleren Klebers verzichten. Oder es gibt auch einfach ganz gut gemachte Schuhe in geklebter Machart. Trotzdem bevorzuge ich hier genähte Schuhe, weil mir so etwas mit genähten Schuhen nicht passiert wäre. Es ist aber keine Katastrophe und ein Schuster kann die Schuhteile schnell wieder zusammenkleben.

Durchgenähte Machart (Blake, Blake-Rapid)

Die durchgenähte Machart folgt dem weiter oben beschrieben Muster für genähte Schuhe. Der Name kommt daher: Bei der Verbindung von Brandsohle, Schuhschaft und Laufsohle oder Zwischenteil wird die Brandsohle durchbohrt, damit durch die entstandenen Löcher die verbindende Naht durchgezogen werden kann. Diese Naht verläuft dann durch die Brandsohle hindurch, daher kommt auch der Name durchgenäht. Diese Machart hat übrigens verschiedene weitere Details. Diese kannst du im folgenden Artikel finden:

Erkennungszeichen

Du kannst die durchgenähte Machart oft an einer dicken Naht im Schuhinneren erkennen. Dieser Blick ins Schuhinnere gibt dir bei den allermeisten einfach hergestellten Schuhen Gewissheit. Es gibt aber auch komplexer hergestellte Schuhe in der Machart Norvegese zum Beispiel - die haben eine solche Naht im Inneren des Schuhs auch. Oft kannst du solche Schuhe an einer dicken, komplexen Naht, der sogenannten Norweger Naht, von aussen erkennen. Wenn du also bei Schuhen im Inneren eine dicke Naht siehst und solche komplexeren Macharten wie Norvegese ausschliessen kannst, dann wird der Schuh ziemlich sicher in der durchgenähten Machart gefertigt worden sein.

Übrigens ist im Schuhinneren oft eine halbe Decksohle mit angebracht, weshalb die relevante Naht zum Teil verdeckt ist. Doch weiter vorne im Schuhinneren ist sie in den allermeisten Fällen sehr zuverlässig zu sehen, wenn es sich um durchgenähte Schuhe handelt.

Rahmengenähte Machart (Goodyear wealted)

Diese Machart wird von vielen als die Königsdisziplin der Macharten der Schuhmacherkunst bezeichnet. Und dies ist tatsächlich eine solide Machart und ich trage auch ganz gerne Schuhe in dieser Machart. Tatsächlich gibt es aber noch komplexere Macharten, die zusätzliche Vorteile bieten. Zum Beispiel ist die Machart Norvegese eine von ihnen und erfordert noch mehr Arbeit, weil doppelt so viele Nähte verwendet werden. Dafür schafft es die Norvegese-Machart auch ohne sogenannte Korkausballung, sehr flexibel zu sein, so dass sich die Abrollbewegung des Fußes sehr angenehm anfühlt.

Hinter der rahmengenähte Machart steckt der folgende Ablauf: Zuerst werden Brandsohle, Schaft und ein Rahmen miteinander vernäht. Das passiert zwar bei der Blake-Rapid-Machart, einer durchgenähten Variante, auch, dort wird die Brandsohle allerdings durchgestochen. Bei der rahmengenähten Machart werden keine Löcher direkt durch die Brandsohle hindurch gemacht. Es wird zuerst auf der unteren Brandsohlenfläche ein sogenannter Einstechdamm gebildet, indem auf der äusseren und inneren Seite davon Leder abgetragen wird. Dann kann der Schuhmacher durch diesen Einstechdamm die sogenannte Einstechnaht durchstechen, die am Ende den Schuhschaft, die Brandsohle und den Rahmen miteinander verbindet.

Mehr Details zur rahmengenähten Machart findest du hier:

Dort wird auch die in der Schuhindustrie recht weit verbreitete „geklebt-genähte“ Machart mit Gemband und Rahmen behandelt. Diese ist streng genommen keine rahmengenähte Machart, wird aber oft mit “Goodyear welted” als solche beworben.

Erkennungszeichen

Oft wird von Anfängern die Naht, die auf dem Rahmen eines Schuhs zu sehen ist, als der Beweis für einen rahmengenähten Schuh angesehen. Allerdings verbindet diese Rahmennaht den Rahmen mit der Laufsohle des Schuhs und ist damit gleichzeitig die Sohlennaht des Schuhs. Eine solche Naht findet sich genauso bei durchgenähten Schuhe der Variante Blake-Rapid wieder. Du kannst dir also bei Vorhandensein einer solchen Rahmennaht nicht sicher sein, ob der Schuh in durchgenähter oder rahmengenähter Machart ist. Da diese beiden die verbreitetsten genähten Macharten sind, genügt aber oft ein zusätzlicher Blick ins Schuhinnere: Wenn dort gar keine Naht zu finden ist, dann sind die Schuh sehr wahrscheinlich rahmengenäht - oder im schlimmsten Fall geklebt mit einer Pseudo-Rahmennaht, die allein der Dekoration dient.

Die sogenannte Einstechnaht zusammen mit dem Einstechdamm sind die Haupterkennungsmerkmale für rahmengenähte Schuhe. Diese liegen allerdings sehr versteckt im Schuhinneren drin und damit meine ich nicht den Innenbereich für die Füsse. Sie sind also von außen nicht zu erkennen. Du kannst hier also streng genommen keine richtige Sicherheit haben, ob du wirklich rahmengenähte Schuhe vor dir hast. Allerdings sind manchmal Markierungen wie “Goodyear welted” auf der Sohle oder im Schuhinneren angebracht. Das sind dann Hinweise des Herstellers, die dir Klarheit über die Machart geben. Anders geht es wohl mur durch eigenständiges auseinander Nehmen des Schuhs oder eben durch die oben beschriebene Spekulation mit dem Ausschlussverfahren.

Holzgenagelte Machart

Hierbei werden Sohle, Schaft und Brandsohle durch Holznägel miteinander verbunden. Dies ist nicht ganz so aufwändig wie eine von Hand rahmengenähte Machart. Geschichtlich betrachtet hat sie eine lange Tradition. Früher wurden auch Metallnägel verwendet. Heutzutage kann das Verfahren auch lediglich lokal beim Absatz zum Einsatz kommen (allerdings mit Metallnägeln), obwohl der Schuh ansonsten zum Beispiel rahmengenäht ist. In diesem Fall hast du auch keine Naht auf dem Rahmen im hinteren Teil des Schuhs.

Früher hatten holzgenagelte Schuhe den Ruf, dass sie für eine lange Nutzungsdauer besser geeignet sind als genähte Schuhe. Vielleicht lässt sich das dadurch erklären, dass die Holznägel in Kontakt mit Wasser aufquellen und mit einem dadurch vergrößerten Volumen für eine noch stabilere Verbindung sorgen. Heute wird diese Machart an sich von einigen Experten in Frage gestellt, ob holzgenagelt überhaupt eine Machart ist, wenn man zum Beispiel im Fersenbereich auch Holznägel benutzt bei ansonsten genähten Schuhen. Und auch historisch wurden Holznägel anscheinend gerne im Zusammenspiel mit Nähten benutzt, um den Rahmen anzubringen, nachdem Schaft und Brandsohle miteinander vernäht wurden.

Dies ist also eine sehr flexible Technik, die auch sehr gezielt und vereinzelt bei der Herstellung von Schuhen verwendet werden kann. Wenn ich allerdings die holzgenagelte Machart erwähne, dann meine ich hauptsächlich die Verwendung von Holznägeln, um Brandsohle, Schaft und Laufsohle miteinander zu verbinden.

Erkennungszeichen

Du kannst eine holzgenagelte Machart normalerweise von außen an den Holznägeln erkennen, die in den Sohlen drin stecken und auf der Sohlenoberfläche der Laufsohle zu sehen sind. Denn die Holznägel heben sich farblich von dem Leder der Laufsohle ab und so kannst du auf der Laufsohle gepunktete Muster erkennen, immer recht nah zum Rand der Sohle hin.

Allerdings kann in diesem Fall der Kern des Schuhs immer noch genäht sein. Wenn du in das Innere des Schuhs reinschaust und dort Nähte erkennst, dann ist der Schuh im Kern durchgenäht. Dann sind die Holznägel lediglich zur Befestigung der Laufsohle da.

Kannst du allerdings dort keine Nähte erkennen und siehst optional sogar noch gepunktete Muster auf der Brandsohle im Schuhinneren, dann ist der Schuh sehr wahrscheinlich holzgenagelt.

Machart Norvegese

Das ist eine komplexere Machart, bei der Schuhschaft und Brandsohle mit zwei unterschiedlichen Nähten miteinander verbunden werden. Später wird auch die Laufsohle mit Hilfe von eins bis zwei Nähten mit einer Zwischensohle verbunden. Bei dieser Machart gibt es also auch Varianten und Abwandlungen wie zum Beispiel 180-Grad-Norvegese, bei der die auffällige Norweger Naht nur bis zu etwa 180 Grad um den Schuhe herum verläuft statt komplett zu 360 Grad. Und es gibt auch weitere, ähnlich komplexe Macharten oder Variationen, die ebenfalls aus Italien kommen.

Welche Machart ist die beste?

Nun, das ist eine sehr offen formulierte Frage, auf die es unterschiedliche Antworten geben kann. Wir schauen uns mal verschiedene Kategorien an und versuchen die Frage innerhalb dieser Kategorien zu beantworten.

Preis

Für die allermeisten Massenhersteller aus der Schuhindustrie sind die geklebten Schuhe die besten, weil sie am kostengünstigsten sind. Solche Hersteller können auf diese Weise um den günstigsten Preis mit ihren Wettbewerbern konkurrieren. Und die Kunden kommmen wieder zu ihnen, wenn die Schuhe spätestens nach ein Paar Jahren durchgelaufen sind.

Qualität

Wenn du allerdings von der Qualität her beurteilst, dann wird die Norvegese-Machart mit die beste sein. Das kommt zu einem Teil daher, dass das einfach mit die aufwendigste Machart ist. Nun muss aufwendig nicht automatisch sinnvoll sein, aber ich unterstelle den Erfindern dieser Machart, dass sie dabei wirklich was gedacht haben.

Jedoch muss du beim Kauf solcher Schuhe bedenken, dass nicht jeder Schuhmacher sie richtig besohlen wird. Das ist kein Nachteil der Machart, sondern viel mehr ein Nachteil von der Verbreitung des Wissens her. Schuhe der Machart Norvegese sind halt nicht sehr typisch unter europäischen Schuhmachern, am ehesten noch unter italienischen.

Praktisch für das Wiederbesohlen

In der Praxis oder auch für die ersten Schuhe empfehle ich durchgenähte (Blake-Rapid) oder rahmengenähte Schuhe. Solche Schuhe haben eine ringsum laufende Sohlennaht und können relativ leicht mit einer neuen Sohle und einer neuen Naht wiederbesohlt werden. Hier meine ich nicht das blosse Draufkleben einer neuen Sohle, sondern das Kleben und Nähen einer neuen Sohle, so dass die Sohlennaht am Ende ausgetauscht ist. Und die allermeisten guten Schuster dürften sich damit auskennen. Und da das Wiederbesohlen bei sowohl durchgenähten als auch rahmengenähten Schuhen gut möglich ist, empfehle ich diese beiden Macharten, die auch nach der rein geklebten Machart die beiden am weitesten verbreiteten sind. Bei exotischeren Macharten kann das Wiederbesohlen zwar auch gut funktionieren, jedoch sehe ich da Unsicherheit bei Schustern, besonders wenn zum Beispiel zwei Sohlennähte anstelle von einer vorhanden sind.

Unterscheidung zwischen Machart und Verarbeitung

Die Machart eines Schuhs solltest du unterscheiden von seiner Verarbeitung. Die Verarbeitung umfasst feine, durchaus wichtige Umsetzungsdetails wie zum Beispiel wie stabil ein Schuh steht und dabei nicht wackelt. Oder ob der Fuß im Schuh ordentlich sitzt und die Ferse keine Neigung hat, damit der Fuß nicht zwangsläufig gegen die Schuhspitze drückt. Die Machart dagegen ist - bildlich ausgedrückt - die Architektur dahinter. Und auch diese Architektur kannst du als Schuhmacher besser oder schlechter umsetzen.

Zwei Schuhmacher können zwei Paar Schuhe nach der gleichen Machart herstellen, die sich aber von der Qualität her enorm unterscheiden. Zum Beispiel könnten die Nähte einmal mit zu wenig Spannung gemacht sein, was die Qualität mindern würde. Deshalb bringt dir auch die beste Machart nicht viel, wenn sie grottenschlecht umgesetzt ist.