Die rahmengenähte Machart (Goodyear welted)
Rahmengenähte Schuhe stehen heutzutage für Qualität und Langlebigkeit in der Schuhindustrie. Hier kannst du erfahren, welche Varianten von rahmengenäht es da draußen gibt und inwiefern in meinen Augen Etikettenschwindel betrieben wird.
Einleitung
Ursprünglich wurden rahmengenähte Schuhe von Hand gemacht, bevor es im 19. Jahrhundert die ersten Maschinen gab, die das Zusammennähen von Brandsohle, Schuhschaft und Rahmen übernahmen. Diese Maschinen wurden maßgeblich von Mitarbeitern von Charles Goodyear Jr. weiterentwickelt und daher kommt auch der Name. Heutzutage wird der Ausdruck “Goodyear” oft synonym im Zusammenhang mit rahmengenäht verwendet, unabhängig davon ob die Schuhteile von Hand oder mit einer Maschine zusammengenäht wurden. Natürlich dominiert heutzutage die maschinelle Fertigung mit der Goodyear-Maschine, die nach und nach weiterentwickelt wurde und den Herstellungsprozess erheblich verkürzte. Es werden aber trotzdem noch rahmengenähte Schuhe von Hand hergestellt wie zum Beispiel im Maßschuhbereich oder bei einigen Schuhmanufakturen, die von Hand gefertigte Serienschuhe anbieten.
Das Wort „rahmengenäht“ beinhaltet den Rahmen im Namen: Das ist ein Lederstreifen, der an Brandsohle und Schuhschaft dran genäht wird. Dieser trägt letztlich die Laufsohle, weil die Laufsohle in einem der Schritte an diesen Rahmen drangenäht wird. Jedoch ist dieser Rahmen nicht das allein kennzeichnende Merkmal der rahmengenähten Machart. Sonst gäbe es keine weitere Machart, die ebnfalls mit einem Rahmen arbeitet. Denn es gibt jedoch mindestens eine weitere, solche Machart - und zwar eine Variante der durchgenähten Machart (Blake-Rapid).
Grundlegendes Vorgehen bei der rahmengenähten Machart
Schritt 0: Ausgangssituation
Wir befinden uns in der Situation, dass der Schuhschaft schon fertig und über den Leisten gezogen ist. Die Brandsohle ist auch schon temporär an den Leisten genagelt und ein Lederstreifen, genannt der Rahmen, ist vorbereitet und griffbereit. Im Folgenden schauen wir uns das Verfahren von Hand an, welches die Maschinen vom Kern her auch nur imitieren.
Schritt 1: Einstechen und Vernähen von Brandsohle, Schuhschaft und Rahmen
Im Gegensatz zur sogenannten Blake-Rapid-Machart mit Rahmen, wird bei der rahmengenähten Machart die Brandsohle nicht durchstochen, sondern diese wird zuvor so bearbeitet, dass die Naht relativ flach von der Seite durchgestochen werden kann. Dazu wird traditionell ein sogenannter Einstechdamm um die Brandsohle herum geschliffen, der die nötige Höhe hat, damit die Naht da gut von der Seite hindurch kommt. Diese Naht wird auch Einstechnaht genannt. Am Ende bleibt die Brandsohle ganz ohne Löcher, weil das Einstechen lediglich auf ihrer - durch den Einstechdamm nicht mehr ebenen - Oberfläche geschieht. Im regelmäßigen Wechsel passiert zusätzlich zum Einstechen das darauffolgende Vernähen der Brandsohle mit Schuhschaft und Rahmen.
Schritt 2: Anbringen der Korkausballung und des Stützgelenks
Nachdem der Rahmen auf der Brandsohle aussenherum angebracht ist, ist im Zentrum ein Hohlraum entstanden. Dieser Hohlraum wird vom Rahmen und von der Brandsohle unschlossen. Er ist relativ flach und hat eben die Dicke des Rahmens.
Dieser Hohlraum wird nun üblicherweise mit Kork gefüllt. Allerdings können stattdessen auch Lederreste genommen werden. Mittig in diesen Hohlraum hinein wird noch ein Stützgelenk aus Holz oder Metall gelegt. Das ist ein flaches, etwa rechteckiges Teil aus dem jeweiligen Material und dient der Stabilisierung des Schuhs.
Schritt 3: Anbringen der Laufsohle und Vernähen von Rahmen und Laufsohle
Im letzten Schritt wird eine Sohle auf den Rahmen und die Füllschicht drauf gepackt und mit dem Rahmen vernäht - dies aus der Perspektive von unten betrachtet. Das Vernähen passiert mit der sogenannten Sohlennaht, die meist von außen sichtbar ist. Du kannst also einem Schuh von außen nicht ansehen, ob er rahmengenäht ist. Denn die von außen sichtbare Sohlennaht gibt es auch in der Blake-Rapid-Machart zum Beispiel.
Das Anbringen dieser Laufsohle nennt man auch Doppeln und ein Schuhmacher kann das per Hand oder mit Hilfe einer Doppel-Maschine machen. So eine Doppel-Maschine unterscheidet sich im Allgemeinen von der Goodyear-Maschine aus einem der vorherigen Schritte und kann auch für das Doppeln bei anderen Macharten verwendet werden. Dieser Schritt hier ist also nicht sehr spezifisch nur für rahmengenähte Schuhe. Allerdings muss hier ergänzt werden, dass eine Goodyear-Maschine die Schuhe ebenfalls doppeln kann, so dass ein Schuhmacher hier nicht notwendig eine weitere Maschine braucht.
Geklebt-genähte Machart, der günstigere Verwandte der maschinell rahmengenähten Machart
Bei der traditionellen erahmengenähten Machart wird ein Einstechdamm auf der Brandsohle geschliffen, damit die Einstechnaht da hindurch kommt und die Brandsohle nicht durchbohrt werden muss. Nun gab es seit dem 19. Jahrhundert den Trend, Prozesse mit Hilfe von Maschinen zu automatisieren, damit alles noch schneller geht. Und auch die Erstellung des Einstechdamms konnte maschinell erfolgen, aber bei Weitem nicht optimal: Der Einstechdamm war recht dünn und besonders im Bereich der Schuhspitze, wo mehr Nähte zusammenkommen, konnte er leicht reißen. So wurde der Einstechdamm initial dort mit geklebten Materialien verstärkt, damit beim Nähen mit der Maschine und auch darüber hinaus nichts reißt.
Dieser Prozess hat sich irgendwann später verselbständigt, indem der ganze Einstechdamm durch ein sogenanntes Gemband vollständig ersetzt wurde. Dieses Gemband ist anders als der Einstechdamm nicht Teil der Brandsohle und wird stattdessen einfach auf die Brandsohle drauf geklebt. Am Ende davon steht er ähnlich hoch wie ein Einstechdamm, ist aber insgesamt darauf ausgelegt, dass die Goodyear-Maschine sehr bequem mit der Einstechnaht das Gemband, den Schuhschaft und den Rahmen miteinander verbinden kann.
Das heißt insbesondere, dass die Brandsohle nicht direkt an Schuhschaft und Rahmen genäht wird, sondern nur indirekt über das Gemband. Und zwischen Brandsohle und Gemband gibt es nur eine rein geklebte Verbindung, die also potentiell nicht ganz so stabil ist. Diese entscheidende Stelle ist der Grund dafür, warum dies streng genommen eine andere Machart ist. Mann kann dies so machen, um die Kosten zu reduzieren, aber in meinen Augen sollte man dann nicht von rahmengenähten Schuhen sprechen, sondern von geklebt-genähten Schuhen. Trotzdem wird das leider nicht so gemacht und wahrscheinlich sind die allermeisten, als rahmengenäht beworbenen Schuhe von dieser geklebt-genähten Art - sogar im Premium-Preisbereich bei Serienschuhen.
Woran kannst du rahmengenähte Schuhe erkennen?
Hier gibt es leider kein sicheres Verfahren, wie du rahmengenähte Schuhe von außen erkennen kannst. Um endgültige Sicherheit zu bekommen, müsstest du die Schuhe aufschneiden und innen drin auf der Laufseite der Brandsohle den Einstechdamm und die Einstechnaht sehen, die Brandsohle, Schaft und Rahmen miteinander verbindet.
Du kannst dir aber zu Nutze machen, dass die rahmengenähte Machart neben der durchgenähten Machart die am weitesten verbreitete nicht-geklebte Machart ist. Wenn du also ausschließen kannst, dass die Schuhe durchgenäht sind, dann werden sie sehr wahrscheinlich rahmengenäht sein - vorausgesetzt du weißt natürlich, dass es genähte und keine geklebten Lederschuhe sind.
Ich kann dir dazu die folgenden zwei Kriterien empfehlen, deren Zutreffen für rahmengenähte Schuhe spricht:
- Der Schuhe hat einen Rahmen mit einer sichtbaren Naht oben drauf, die nicht rein dekorativ ist, sondern Rahmen und Laufsohle verbindet. Manchmal kannst du diese Naht auch im Bereich der Laufsohle sehen, sie kann aber auch in der Laufsohle versteckt sein.
- Der Schuh hat keine dicke Naht im Schuhinneren drin, die durch die Brandsohle geht.
Der erste Punkt versucht sicherzustellen, dass die Schuhe nicht lediglich geklebt sind und der zweite Punkt versucht durchgenähte Schuhe als in Frage kommende Variante auszuschließen. Leider können auch mal beide Punkte auf Schuhe zutreffen, die trotzdem nicht rahmengenäht sind oder die in der geklebt-genähten Machart gemacht sind. Letzteren Punkt kannst du beim Hersteller erfragen oder dich über den Hersteller diesbezüglich informieren. Manchmal sind auch Markierungen auf dem Schuh angebracht wie “Goodyear welted”.
Varianten
Schwarze Straußenlederschuhe in rahmengenähter Machart
Obwohl dieser Schuh hier von außen ganz in Schwarz ist, kannst du trotzdem verschiedene Variationen von Schwarz wahrnehmen. Zum Beispiel sind auf dem Rahmen viele kleine grau aussehende Pünktchen zu sehen, die eine Naht andeuten. Dies wird auch durch die Laufsohle bestätigt, denn dort befindet sich rund herum eine leichte Linie, die das Vorhandensein eines Kanals tiefer drin andeutet. In diesem Kanal liegt dann die Sohlennaht, die du zuvor schon auf dem Rahmen sehen konntest.
Im Schuhinneren ist übrigens keine Naht zu sehen, die durch die Brandsohle geht. Du kannst dir bei diesen Schuhen also relativ sicher sein, dass es rahmengenähte Schuh sind. Zusätzliche Sicherheit gibt hier das Wissen, dass der Hersteller ein altes, renommiertes Schuhunternehmen aus Wien ist, dessen Sorgfalt bei der Arbeit du zum Beispiel an der Laufsohle bewundern kannst. Für so einen Hersteller von Premium-Schuhen ist es zudem unwahrscheinlich, dass er Schuhe in der rein geklebten Machart anbietet - vor allem auch deshalb, weil sein Schwerpunkt auf dem Handwerk und nicht auf dem Markennamen und Werbung liegt.

